Chicherster August 2005

Anfang August hat mich mein Arbeitgeber nach London geschickt. Glücklicherweise durfte ich diesmal über’s Wochenende dort bleiben. Ich hab mich kurzerhand dazu entschlossen, am Samstag an die Südküste zu fahren um dort zu tauchen. Sonntag fiel flach, da ich dann wieder zurück fliegen musste.

Noch in Deutschland half mir das Internet bei der Recherche nach einer geeigneten Tauchbasis. Tauchschulen in England bieten wohl generell keine Mittauchgelegenheit, da man dort Mitglied sein muss. Eine Tauchbasis hat sich aber dennoch gefunden. Nach langer Diskussion – CMAS* wäre nicht qualifiziert genug für einen Kanal Tauchgang – konnte ich Jan, den holländischen Basisleiter dazu überreden indem ich ihm vom Steinberger und Attersee berichtete. Er hat mich für zwei Tauchgänge eingetragen – was betaucht würde wusste ich noch nicht.

Auf der Suche nach einer Unterkunft wurde ich leider enttäuscht. Es lag wohl daran, dass Ferienzeit war. Alles ausgebucht. Also blieb wohl nur die Alternative, es auf Gut Glück bei den Londoner Back Packers zu probieren – eine Unterkunft für Rucksacktouristen. Dort durfte ich mir dann das Zimmer mit einem Franzosen und zwei Dänen teilen.

Ein weiteres Handicap war das Gepäck, da ich nur eine grosse Tasche als Handgepäck mitnehmen konnte. Darin Platz fanden lediglich Automat, Kompass, Computer und zwei Lampen – die ich, wie sich später heraus stellen sollte, gut gebrauchen konnte. Trotz anfänglichen Bedenken, wegen Terrorwarnung ungeschoren durch die Passagierkontrolle zu kommen, musste ich nicht einmal die komplette Ausrüstung auseinander nehmen sondern dank des geschulten Auge der Zollbeamtin nur die Automatentasche öffnen.

Nach getaner Arbeit hieß es dann am Samstag um halb fünf aufstehen und mit den Zug von London nach Chichester zu fahren, einer kleinen Stadt an der Südküste in der Nähe von Portsmouth. Nach 2 Stunden bin ich dort angekommen und geradewegs in die Tauchbasis gegangen um die restliche Ausrüstung auszuleihen. Ich war schon überrascht, als ich nur einen 5mm Anzug ohne Handschuhe und Kopfhaube bekam. Auf die Frage, was mich denn Unterwasser erwarten würde, hieß es 18 Grad und momentan leider nur Sichtweiten bis 10 Meter. Im Vergleich zu den hiesigen Verhältnissen sind das nahezu karibische Verhältnisse! Glücklicherweise hatte die Basis DIN Flaschen, ansonsten hätte ich meine Automaten umsonst mitgeschleppt.

In der Basis wartete ich vergeblich auf ein Briefing. Buddyteams mussten selber zusammen gestellt werden. Ich schloss mich einem Schweizer und Engländer an – die Einzigen, die wie ich Halbtrocken tauchten. Alle anderen waren eher technisch unterwegs – mit Trocki, Doppel 12 und anderem Schnick Schnack. Eine Tauchplatzbeschreibung fehlte. Ich hab dann nebenbei erfahren, dass wir mit 9 weiteren Tauchern auf einem Zodiac zu einem Wrack fahren würden. Bei dem Wrack handelt es sich um die HMS Sapper, einem gepanzertem Schlepper, der im Ersten Weltkrieg auf ungeklärte Weise versenkt wurde.

Allein die Fahrt mit dem Motorboot war die 10 Pfund pro Tauchgang wert. Mit 2 Aussenbordern a 150 PS (!) hieß es dann mit maximal möglicher Geschwindigkeit 40 Minuten zum Tauchplatz zu rasen. Dort angekommen hat der Skipper erst einmal den Grund mit dem Echolot abgesucht, danach geankert. Dann hieß es fertig machen zum Abtauchen. Und jetzt stieg auch die Spannung, was da unten wohl warten würde.

Auf Drei sprang mein Buddy Team mit einer gekonnten Rolle rückwärts ins Wasser und versammelte sich an der Boje. Erst jetzt, nachdem ich eine Ladung Salzwasser geschluckt hatte, hab ich gemerkt, dass der Wellengang nicht zu unterschätzen war. Auf Kommando tauchten wir ab. Und plötzlich alles still… Kein Lärm… keine Wellen… Nur Wasser… Mit der Ankerleine in der Hand ging es sehr schnell abwärts. Der Abstieg hat wohl keine 2 Minuten gedauert. Langsam ist alles dunkler geworden, bis wir zu meinem Erstaunen sehr schnell den Grund auf 35 Meter erreicht haben. Bisher lief eigentlich alles annähernd so, wie ich es mir vorgestellt hab. Doch dann hat sich in Grundnähe im Halbdunkeln irgendwie ziemlich viel bewegt. Schnell griff ich zur Lampe. Mit dem Lichtstrahl hab ich versucht, möglichst rasch einen Überblick zu bekommen, bis ich langsam begriff, was sich hier alles um uns gesellte. Eine unglaubliche Vielzahl von Fischen und Krebse, die sich durch uns Taucher wenig beeindruckt zeigten.

Immernoch von den Eindrücken der Umgebung fasziniert, folgte ich meinem Buddy Team, aber eher auf alles andere konzentriert als dem, wohin ich tauchte. So viele Fische und Krebse hab ich selbst nur selten am Roten Meer gesehen. Und dann bemerkte ich, dass es ohnehin schon dunkel noch dunkler wurde. Stopp! Ich blickte nach vorn und sah ein undefinierbares Hindernis, das das komplettte Sichtfeld ausfüllte. Ich blickte nach oben und realisierte, dass das, was mir den Weg versperrte, das gesuchte Wrack war. Direkt einige Zentimeter vor meinem Gesicht. Der Bug, eine Stahlwand, ca. 5 Meter aus dem Wasser ragend, erhob sich aus dem Nichts. Da ich keine Handschuhe hatte, hab ich vorsichtig die Stahlpanzerung des Schiffs angefasst. Es war ein eher unangenehmes Gefühl, als ob man sich die Hände an der Oberfläche aufreißen könnte, wenn man nur fest genug dagegen drücken würde.

Bis ich begriff, was da vor mir lag, sind wohl einige Minuten vergangen. Unterdessen hat ein Buddy begonnen, Fische zu fotografieren. Wie das mit Fotografen so ist, hat er wohl vergessen, nach oben oder unten zu schauen. Er sank langsam ab und ein Krebs in der Größe eines Toasters wartete schon am Grund mit den Scheren nach ihm schnappend. Ich versuchte ihn noch an der Flosse zu ziehen, doch der Krebs war schneller und hat sich in sein Bein verbissen.

Wir tauchten langsam Steuerbord am Schiff entlang. Durch ein kleines Loch in der Bordwand hatte ich Einblick in das Innere. Was ich da sah, hat mich sehr verwundert. Leuchtend hell blau lag ein Tier im Inneren des Schiffs, das auf den ersten Blick aussah wie eine Moräne – ca. 1,5 Meter lang, allerdings mit riesigen dunklen Glupschaugen und einem breiten Maul. Später erfuhr ich, dass das ein Conger war, ein Verwandter des Aals.

Am Dampfkessel vorbeit sind wir wohl dann Midship über das Wrack nach backbord getaucht. Der Kessel des Schiffs ragte ca. 6 Meter vom Grund empor. Auf der anderen Schiffsseite angekommen fiel mir auf, dass ich noch nicht den Computer kontrolliert hatte. Ein Blick darauf hat mir schnell die Lust am Weitertauchen genommen: 8 Minuten Deko und 70 Bar Restdruck. Da hieß es schnell auf die Deko Stufe in 5 Meter und warten, bis die Zeit um ist. Auf dem Weg zum Ankerseil geriet ich in einen riesigen Schwarm Dorsche – eigentlich eine undurchdringliche Wand Fische, die das Lampenlicht wie ein riesiger Spiegel silbern leuchtend reflektierten.

Dummerweise hatten meine Buddies Nitrox, so dass ihre Deko nur ein Sicherheitsstopp war. Also blieb ich allein an der Leine hängen und die Anderen konnten nach 3 Minuten bereits auftauchen. Meine restlichen 5 Minuten verbrachte ich dann damit, mich in der Strömung am Seil fest zu klammern. Zurück an der Oberfläche stiegen wir dann wieder in’s Zodiack. Die Kollegen mit ihren Doppel 12 waren lediglich 5 Minuten länger unter Wasser, so dass wir rasch die Rückfahrt antreten konnten. Während der Fahrt zurück war ich froh, nicht auf dem Platz am Bug des Zodiacks zu sitzen. Der Taucher, der dort saß hat sich wegen des Wellengangs ziemlich übel die Schulter geprellt.

Wieder an Land angekommen hatten wir ca. 15 Minuten Pause bis wir den zweiten Tauchgang antraten, einen Drifttauchgang, der wenig spektakulär bis max. 12 Meter ging.

Fazit: Begeistert man sich für Wracktauchgänge gleichermaßen wie für Fisch Sight Seeing, ist die HMS Sapper nur zu empfehlen! Man sollte sich nicht davon abschrecken lassen, dass dieser Tauchplatz nur für Experten zu betauchen sei – das stimmt nicht. Wer schon im Steini oder Attersee getaucht ist, kommt hier problemlos zurecht.